Insights

Schwellenwert im Vergaberecht: Aktuelle Grenzen, Bedeutung und Praxis-Leitfaden

Schwellenwert im Vergaberecht: Aktuelle Grenzen, Bedeutung und Praxis-Leitfaden

Was der Schwellenwert im Vergaberecht für Ihre Angebote bedeutet: Aktuelle EU-Grenzen, VgV-Vorgaben und Praxis-Beispiele für Bid Manager im Überblick.

Overview table of current EU thresholds in procurement law for supply, service, and construction contracts
No headings found on page
Tom Dietrich

Tom Dietrich

Founding GTM Engineer

Key Takeaways

  • EU-Schwellenwerte definieren den Übergang vom nationalen zum europaweiten Vergaberecht

  • Aktuelle Grenzen liegen bei 143.000 Euro für Bundesbehörden und 221.000 Euro für sonstige Stellen

  • Bauleistungen nach VOB/A erfordern ab 5.538.000 Euro eine zwingend europaweite Ausschreibung

  • Die Schätzung des Auftragswerts muss vor Einleitung des Vergabeverfahrens rechtssicher dokumentiert werden

 

Einführung

Rund 500 Milliarden Euro umfasst das jährliche Auftragsvolumen öffentlicher Auftraggeber in Deutschland (Quelle: BME). Für Sie als Bieter bedeutet das ein enormes Umsatzpotenzial, sofern Sie die rechtlichen Spielregeln kennen. Der Schwellenwert Vergaberecht markiert die finanzielle Grenze, ab der öffentliche Aufträge zwingend europaweit ausgeschrieben werden müssen. Für Sie als Bieter bedeutet das strengere Fristen, komplexere Eignungsnachweise und einen größeren Wettbewerb. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie die aktuellen Grenzen nutzen, um Ihre Erfolgschancen bei der Angebotserstellung zu maximieren.

 

Inhalt

  • Was definieren Schwellenwerte in der Vergabe?

  • Warum ist die Relevanz der Schwellenwerte für öffentliche Ausschreibungen so hoch?

  • Wo liegen die aktuellen Vergabe Schwellenwerte für Liefer- und Dienstleistungen?

  • VOB/A Schwellenwerte: Welche Besonderheiten gelten bei Bauleistungen?

  • Wie beeinflussen Sektorenauftraggeber die öffentliche Vergabe Schwellenwerte?

  • Auftragswertschätzung: Wie werden Schwellenwerte für die öffentliche Vergabe berechnet?

  • Checkliste: Übersicht Vergabeverfahren Schwellenwerte

  • Wie Forgent hier ansetzt

  • Häufige Fragen zu Schwellenwert Vergaberecht

 

 

Was definieren Schwellenwerte in der Vergabe?

Ein öffentlicher Auftraggeber muss bei jeder Beschaffung prüfen, ob der geschätzte Auftragswert den maßgeblichen Schwellenwert erreicht oder überschreitet. Ist dies der Fall, greift das europäische Vergaberecht. Für Sie als Bieter ändert sich dadurch der gesamte Prozess.

Unterhalb der Schwelle gelten nationale Regelungen wie die Unterschwellenvergabeordnung (UVgO). Oberhalb der Schwelle greift die Vergabeverordnung (VgV) basierend auf der Richtlinie 2014/24/EU. Laut Artikel 4 dieser Richtlinie werden die Schwellenwerte alle zwei Jahre von der Europäischen Kommission überprüft und angepasst.

Kriterium

Unterschwellenbereich (National)

Oberschwellenbereich (EU-weit)

Rechtsgrundlage

UVgO, VOB/A (Abschnitt 1)

VgV, VOB/A-EU, SektVO

Bekanntmachung

Nationale Portale (z.B. bund.de)

TED (Tenders Electronic Daily)

Fristen

Oft kürzer und flexibler

Streng reguliert (z.B. 35 Tage)

Rechtsschutz

Eingeschränkt (z.B. Rügepflicht)

Vollständiger Primärrechtsschutz

Diese Unterscheidung bestimmt Ihre gesamte Angebotsstrategie.

 

Warum ist die Relevanz der Schwellenwerte für öffentliche Ausschreibungen so hoch?

Die Einordnung einer Ausschreibung entscheidet über die Fristen, die Sie einhalten müssen, und den Rechtsschutz, den Sie genießen. Bei EU-weiten Verfahren profitieren Sie vom Primärrechtsschutz. Das bedeutet, Sie können Vergabeverstöße vor der Vergabekammer anfechten, bevor der Zuschlag erteilt wird. Die Stillhaltefrist nach § 134 GWB beträgt hierbei 15 Kalendertage bei postalischer Versendung und 10 Kalendertage bei elektronischer Übermittlung.

 

Tipp: Prüfen Sie bei jeder Ausschreibung sofort den geschätzten Auftragswert, um den zeitlichen Aufwand für die Angebotserstellung realistisch zu planen und Fristversäumnisse zu vermeiden.

 

Zudem eröffnet der Oberschwellenbereich den Zugang zu einem massiven Markt. Der kommunale Investitionsstau in Deutschland beläuft sich aktuell auf 216 Milliarden Euro (Quelle: ForgentAI Marktanalyse). Um an diesen Budgets zu partizipieren, müssen Sie die formalen Anforderungen der EU-Verfahren fehlerfrei beherrschen.

Eine präzise Prüfung sichert Ihren Wettbewerbsvorteil.


Schwellenwert im Vergaberecht: Aktuelle Grenzen, Bedeutung und Praxis-Leitfaden — balance illustration

 

Wo liegen die aktuellen Vergabe Schwellenwerte für Liefer- und Dienstleistungen?

Die Europäische Kommission passt die Grenzen regelmäßig an die wirtschaftliche Entwicklung an. Für die Jahre 2024 und 2025 gelten spezifische Werte, die Sie bei der Qualifizierung von Ausschreibungen kennen müssen.

Für klassische Liefer- und Dienstleistungsaufträge gelten laut den aktuellen EU-Schwellenwerten folgende Grenzen:

  • 143.000 Euro für oberste und obere Bundesbehörden (z.B. Ministerien).

  • 221.000 Euro für alle anderen öffentlichen Auftraggeber (z.B. Kommunen, Länder, Krankenhäuser).

 

Für Sie bedeutet das: Wenn Sie IT-Dienstleistungen oder Büromaterial an eine Stadtverwaltung verkaufen und das Volumen 221.000 Euro überschreitet, muss die Stadt ein offenes Verfahren oder ein anderes EU-weites Verfahren wählen. Die Frist für den Eingang der Angebote beträgt dann mindestens 35 Tage ab Absendung der Auftragsbekanntmachung (§ 15 VgV). Bei besonderer Dringlichkeit kann diese Frist auf 15 Tage verkürzt werden (§ 15 Abs. 3 VgV).

Diese Werte gelten verbindlich für alle Bieter.

 

VOB/A Schwellenwerte: Welche Besonderheiten gelten bei Bauleistungen?

Bauleistungen sind aufgrund ihres Umfangs und ihrer Komplexität anders reguliert als Liefer- und Dienstleistungen. Hier greift die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB/A).

Der Schwellenwert für Bauaufträge liegt aktuell bei 5.538.000 Euro (Quelle: § 2 VOB/A). Erst ab diesem Betrag ist eine europaweite Ausschreibung zwingend erforderlich. Für Bauunternehmen bedeutet dieser hohe Wert, dass ein Großteil der regionalen Bauprojekte nach nationalem Recht vergeben wird.

Wenn Sie sich auf Bauaufträge bewerben, müssen Sie prüfen, ob der Auftraggeber Lose gebildet hat. Bei der Losvergabe von Bauleistungen gilt das Additionsgebot: Der Wert aller Lose wird addiert. Erreicht die Summe 5.538.000 Euro, sind grundsätzlich alle Lose europaweit auszuschreiben. Eine Ausnahme bildet das sogenannte Kontingentlos: Lose, deren geschätzter Wert unter 1.000.000 Euro liegt, können national vergeben werden, solange ihr kumulierter Wert 20 Prozent des Gesamtauftragswerts nicht übersteigt (§ 3 Abs. 9 VgV).

Kalkulieren Sie diese Grenzen stets exakt.

 

Wie beeinflussen Sektorenauftraggeber die öffentliche Vergabe Schwellenwerte?

Sektorenauftraggeber operieren in den Bereichen Trinkwasser, Energieversorgung, Verkehr und Postdienste. Da diese Unternehmen oft im Wettbewerb stehen, gewährt ihnen der Gesetzgeber flexiblere Beschaffungsregeln über die Sektorenverordnung (SektVO).

Für Liefer- und Dienstleistungen im Sektorenbereich liegt der Schwellenwert bei 443.000 Euro. Für Bauleistungen gilt auch hier der Wert von 5.538.000 Euro. Für Sie als Bieter ist der Sektorenbereich besonders attraktiv, da Sektorenauftraggeber freier zwischen den Verfahrensarten wählen können. Das Verhandlungsverfahren mit Teilnahmewettbewerb steht ihnen beispielsweise ohne besondere Begründung zur Verfügung (§ 13 SektVO).

Das bedeutet für Ihre Vertriebsstrategie: Wenn Sie Stadtwerke oder Verkehrsbetriebe beliefern, können Sie häufiger in direkte Verhandlungen eintreten, anstatt starre formale Angebote abzugeben. Sie müssen jedoch nachweisen, dass Ihre Konzepte die spezifischen technischen Anforderungen der Versorgungsnetze erfüllen.

Sektorenaufträge bieten Ihnen oft flexiblere Verhandlungsspielräume.


Schwellenwert im Vergaberecht: Aktuelle Grenzen, Bedeutung und Praxis-Leitfaden — tree rings illustration

 

Auftragswertschätzung: Wie werden Schwellenwerte für die öffentliche Vergabe berechnet?

Die korrekte Schätzung des Auftragswerts ist die Pflicht des Auftraggebers, aber die Konsequenzen tragen Sie als Bieter. Der Wert wird ohne Umsatzsteuer berechnet und muss alle Optionen sowie Vertragsverlängerungen umfassen (§ 3 VgV).

Oft versuchen Auftraggeber, Aufträge künstlich zu stückeln, um unterhalb der Schwellenwerte zu bleiben und den Aufwand einer EU-weiten Ausschreibung zu umgehen. Dies ist rechtlich unzulässig. Wenn Sie feststellen, dass ein Auftraggeber gleichartige Leistungen in mehrere kleine nationale Verfahren aufteilt, obwohl das Gesamtvolumen den Schwellenwert überschreitet, können Sie dies rügen.

Hierbei hilft der Einsatz moderner Technologien. Während eine generische KI wie ChatGPT bei komplexen Vergabeunterlagen oft den rechtlichen Kontext ignoriert, extrahiert eine domänenspezifische KI präzise die geforderten Eignungskriterien und Auftragswerte aus den Dokumenten. Die KI analysiert die Losaufteilung und markiert kritische Anforderungen. Der Bid Manager entscheidet anschließend auf Basis dieser Daten, ob ein Angebot wirtschaftlich sinnvoll ist oder ob eine Rüge geboten erscheint.

Ihre finale Entscheidung erfordert belastbare Daten.

 

Checkliste: Übersicht Vergabeverfahren Schwellenwerte

Um bei der Qualifizierung von Ausschreibungen keine Fehler zu machen, sollten Sie jeden neuen Vorgang systematisch prüfen. Nutzen Sie diese Schritte für Ihre Bid/No-Bid-Entscheidung:

  • Auftraggeber identifizieren: Handelt es sich um eine oberste Bundesbehörde (143.000 Euro), einen sonstigen Auftraggeber (221.000 Euro) oder einen Sektorenauftraggeber (443.000 Euro)?

  • Leistungsart bestimmen: Geht es um Liefer-/Dienstleistungen oder um Bauleistungen (5.538.000 Euro)?

  • Auftragswert prüfen: Übersteigt das Gesamtvolumen inklusive aller Optionen und Verlängerungen den relevanten Schwellenwert?

  • Verfahrensart ableiten: Gilt nationales Recht (UVgO/VOB/A) oder europäisches Recht (VgV/SektVO)?

  • Fristen notieren: Sind die 35 Tage für das offene Verfahren oder verkürzte nationale Fristen maßgeblich?

  • Rechtsschutz klären: Steht der Weg zur Vergabekammer offen (Oberschwellenbereich) oder greift nur der Zivilrechtsweg?

 

Bevor Sie das nächste Vergabeverfahren öffnen, prüfen Sie den geschätzten Auftragswert anhand dieser Checkliste.

 

Wie Forgent hier ansetzt

Die manuelle Prüfung von Schwellenwerten und Eignungskriterien in umfangreichen Vergabeunterlagen kostet Bid Manager oft wertvolle Stunden. Als domain-spezifische KI-Plattform für Ausschreibungen deckt Forgent den gesamten Prozess ab: von Finden über Evaluieren bis zum Bewerben und Verwalten. Wie die Praxis zeigt, reduziert sich der Zeitaufwand bei der Sichtung um bis zu 90 Prozent (Quelle: Arsipa Fallstudie). Die finale Entscheidung über die Teilnahme treffen weiterhin Sie. In einer kurzen Demo sehen Sie, wie Forgent das bei Ihrer nächsten Ausschreibung übernimmt.

Demo anfragen →

 

Häufige Fragen zu Schwellenwert Vergaberecht

Wie oft werden die Schwellenwerte angepasst?

Die Europäische Kommission überprüft die Schwellenwerte alle zwei Jahre. Die Anpassung erfolgt auf Basis der Schwellenwerte des Government Procurement Agreement (GPA) der Welthandelsorganisation, um Währungsschwankungen auszugleichen. Die aktuellen Werte traten am 1. Januar 2024 in Kraft und bieten Bietern sowie Auftraggebern Planungssicherheit. Sie gelten verbindlich für alle Mitgliedstaaten und müssen nicht separat in nationales Recht umgesetzt werden. Danach treten neue Grenzen in Kraft.

 

Was passiert, wenn der Auftraggeber den Wert falsch schätzt?

Schätzt der Auftraggeber den Wert bewusst zu niedrig, um eine europaweite Ausschreibung zu umgehen, ist das Verfahren fehlerhaft. Als Bieter können Sie diesen Verstoß rügen. Wird der Rüge nicht abgeholfen, steht Ihnen im Oberschwellenbereich der Weg zur Vergabekammer offen. Eine fehlerhafte Schätzung kann zur Aufhebung der gesamten Ausschreibung führen. Dies schützt Sie vor unfairem Wettbewerb.

 

Gelten für soziale Dienstleistungen andere Schwellenwerte?

Ja, für soziale und andere besondere Dienstleistungen nach Anhang XIV der Richtlinie 2014/24/EU gelten deutlich höhere Grenzen. Der Schwellenwert liegt hier bei 750.000 Euro für klassische öffentliche Auftraggeber und bei 1.000.000 Euro für Sektorenauftraggeber. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass diese Dienstleistungen eine geringere grenzüberschreitende Relevanz aufweisen. Prüfen Sie daher stets den CPV-Code der Ausschreibung. Dieser Code bestimmt die genaue Zuordnung.

 

Demo anfragen →